Lützeln feiert 675-jähriges Bestehen
gb Lützeln. Heinz Schnell hatte sichtlich Freude daran, den Festkommers anlässlich der 675-Jahr-Feier einzuläuten. Das „Ausschellen“ wichtiger Informationen durch den Ortsvorsteher hat in Lützeln eine lange Tradition. Die Aufmerksamkeit der Gäste hatte der Amtsträger nach dem Einklang der Jagdhornbläser aber ohnehin schon sicher. Mal auf Platt, mal ins Hochdeutsche verfallend, damit auch die Gäste von „uswärts“ mitkamen, führte der Ortsvorsteher souverän und humorvoll durch den Abend.
Nach einer kurzen Begrüßung folgte bereits die erste offizielle Amtshandlung: Burbachs Bürgermeister Christoph Ewers nahm den Hammer zum Fassanstich in die Hand. Nach wenigen präzisen Schlägen floss das goldene Getränk in die ersten Gläser, die von Thomas Knebel von der Erzquell Brauerei gezapft wurden. Für den ersten Festredner blieb indes keine Zeit, mit dem regionalen Gebräu die trockene Kehle zu schmieren. Staatssekretär Daniel Sieveke war in Vertretung seiner „Chefin“ Ina Scharrenbach, NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung aus Düsseldorf angereist. Er sei gerade auf Siegerland-Tour, und was könne es für einen Politiker aus dem Rheinland schöneres geben? „Lebensfreude“ und „Heimatliebe“ spüre er hierzulande. Den Begriff Heimat verknüpfte er untrennbar mit der Kommunalpolitik. „Das gehört zusammen“, sagte er. „Und wenn der Backes saniert wird und wir im Ministerium dabei helfen können, passt das auch gut zusammen“, verwies er auf die jüngsten Baumaßnahmen rund um das historische Backhaus, bei dem aus Düsseldorf eine kräftige Finanzspritze gekommen war. Eine derart engagierte Dorfgemeinschaft wie in Lützeln sei leider längst nicht mehr selbstverständlich. Vielerorts verliere man sich im Streit verschiedener politischer Ansätze. Dabei mache Politik Spaß, „wenn man das Ziel nicht aus dem Blick verliert“. Dabei sei es „scheißegal, welcher Partei man angehört, Hauptsache man tut das Richtige“ für die Menschen vor Ort, für die Heimat. Und: „Heimat gehört uns allen und nicht einigen wenigen Politikern, die meinen uns vorgeben zu können, was Heimat ist“, schickte er noch eine klare Botschaft an den rechten Flügel.
Volker Gerstner, Vorsitzender des organisierenden Heimatvereins, verzichtete auf einen offensichtlichen Kommentar zur aktuellen politischen Gemengelage. Andererseits bezog er Position, indem er hoffte, dass die Auseinandersetzung mit der Heimatgeschichte dazu führe, für die Zukunft zu lernen. Von den Festtagen zum Jubiläum versprach er sich einen spürbaren Effekt, so wie es bei den Großereignissen zuvor der Fall gewesen sei: „Die letzten großen Feiern haben positive Spuren hinterlassen.“ Bürgermeister Christoph Ewers sah in dem Fest selbst drei wichtige Funktionen. Zunächst sei es eine gute und wichtige Gelegenheit, um Danke zu sagen. Ein Danke an all jene, die sich für Lützeln engagierten. Darüber hinaus sei es ein „Ausdruck der Bindung der Menschen zu ihrem Dorf“. Und drittens sei es ein Bekenntnis, sich weiterhin für das Dorf und die Dorfgemeinschaft einzusetzen. „Im Dorf wird der Grundstein für die Gesellschaft und die Gemeinschaft gelegt.“ Für Gelächter sorgte der Bürgermeister, als er aus der Festrede von Eberhard Winterhager, dem damaligen Chefredakteur der Siegener Zeitung, die dieser zum 650-jährigen Bestehen verfasst hatte, zitierte: „Aber wenn auch die Gemeinsamkeiten diesseits und jenseits der Wasserscheide groß sind, fällt die Eigenständigkeit der Hicken doch unverkennbar ins Gewicht. Wer auch immer z.B. von Amts wegen mit dem Hickengrund zu tun hat, weiß, dass hier zwar alle Gesetze und Verordnungen gelten, dass aber darüberhinaus eine ,Ordnung‘ besteht, die die Menschen selber – und zwar weit mehr unbewusst als bewusst – festgelegt haben. Und soweit ich es bei Anfragen und Gesprächen feststellen konnte, beweisen insofern die Lützeler bei der Aufrechterhaltung ihrer eigenen Ordnung wohl die größte Beharrlichkeit.“
Landrat Andreas Müller, gebürtiger Holzhausener, griff die Debatte um das älteste Dorf im Hickengrund auf. In der Festschrift wie auch in seinem Wortbeitrag hatte Heimatvereinsvorsitzender Volker Gerstner darauf verwiesen, dass man davon ausgehen könne, dass Lützeln bereits vor der urkundlichen Ersterwähnung 1349 existiert habe und mutmaßlich das älteste Dorf jenseits der Wasserscheide und demnach die Wiege der Hickengrunder sei. Man könne die Diskussion getrost beenden, entschied der Landrat verschmitzt: „In den Annalen steht Holzhausen als ältestes Dorf.“ Basta! Immerhin attestierte der Kreishauschef den Lützelnen, den ältesten Backes in Südwestfalen (Baujahr 1704) zu haben. Die Empörung über das Anzweifeln der ältesten Ansiedlung im Hickengrund hielt sich somit in Grenzen.
Auch die Bundestagsabgeordneten Luiza Licina-Bode und Volkmar Klein sowie Christian Roth, Vorstandsmitglied der Sparkasse Burbach-Neunkirchen, waren als Ehrengäste geladen und entsendeten Grüße vom Rednerpult aus. Dazu freute sich der Festvorstand über das Kommen der Vorsitzenden der Burbacher Ratsfraktionen und den Ortsvorstehern der Nachbardörfer. Musikalisch wurde der Abend neben den Jagdhornbläsern auch vom MGV Germania Lützeln, dem Singkreis Hickengrund, den Männerstimmen Hickengrund sowie dem MGV Oberdresselndorf festlich gestaltet. Der offizielle Teil ging anschließend in eine rauschende Jubiläumsparty mit DJ über.
Am nächsten Morgen wurde auf der Oranienstraße im Bereich vor dem Dorfgemeinschaftshaus der Bauern- und Handwerkermarkt aufgebaut, der am Samstag zum Flanieren, Stöbern und Einkaufen inspirierte. Im Rahmen des Marktes wurde außerdem eine Mähdrescher-Replik ausgestellt, die ebenfalls zum Staunen und Fachsimpeln anregte. Für Spiel und Spaß für die jungen Festgäste sorgte der DRK-Kindergarten Lützeln. Abends stand der nächste Höhepunkt an. Mit UnArt stand ein regionaler Topact auf der Bühne des Festzeltes und rockte das Jubiläum bis in die späten Abendstunden. Mit einem Festgottesdienst und Erbsensuppe zum Mittagessen klang die 675-Jahr-Feier mit dem Beitrag der Dermbacher Musikanten aus.
„Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf des Festwochenendes“, sagte Volker Gerstener am Tag nach den Feierlichkeiten. Die Organisatoren hätten viel positive Resonanz bekommen. Der Heimatverein freue sich, wenn es den Gästen gefallen habe. Vielleicht hinterlässt das jüngste Jubiläum ja tatsächlich wieder nachhaltig Spuren im Dorf.
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20240827 PM Lützeln feiert 675-jähriges Bestehen (PDF, 707 kB, Pressemitteilung)
