Bundes- und Landespolitiker besuchen Hebammenpraxis »Bauchgefühl« in Burbach
Wirtschaftlicher Druck auf selbständige Geburtshelferinnen wächst Jahr für Jahr
gb Burbach. Seit Jahren versuchen die Hebammen in Deutschland sich Gehör zu verschaffen. Aus ihrer Sicht leidet ihr Berufsstand erheblich unter den derzeitigen Rahmenbedingungen. Kopfzerbrechen bereiten den Geburtshelferinnen vor allem die jährlich steigenden Versicherungsbeiträge. Weltweit gebe es nur noch einen Versicherer, der eine Berufshaftpflicht für Hebammen anbiete – und dieser lasse sich die Risikoübernahme teuer bezahlen. Während andere Länder hier längst Lösungen zur Entlastung gefunden hätten, um die adäquate Versorgung für werdende und junge Mütter sowie für Neugeborene zu gewährleisten, seien die Geburtshelferinnen in Deutschland hingegen auf sich allein gestellt. Für die Hebammenpraxis „Bauchgefühl“ in Burbach spitzt sich die Situation inzwischen zu. Der wirtschaftliche Druck wächst. Wenn sich nicht etwas Grundlegendes ändere, sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Gemeinschaftspraxis Konsequenzen ziehen müsse. Jetzt haben sich die Hebammen mit ihren Sorgen an die Gemeinde Burbach gewandt. Auf Einladung von Bürgermeister Jonas Becker besuchten daraufhin er, der heimische Bundestagsabgeordnete Benedikt Büdenbender und der Landtagsabgeordnete Jens Kamieth (beide CDU) die Einrichtung, um das Thema nochmals auf den verschiedenen politischen Ebenen publik zu machen.
Neben dem Geburtshaus Siegen sei ihre Gemeinschaftspraxis eine von nur noch zweien dieser Art im Kreis Siegen-Wittgenstein, berichteten Kathleen Walter, Katharina Schreiber und Tabea Oerder im Gespräch mit den Politikern. Schon jetzt herrsche eine immense Hebammen-Unterversorgung. Nach ihren Angaben seien zwei Drittel aller Kreißsäle im Land in den vergangenen Jahren geschlossen worden. Die Anzahl der Alleingeburten (ohne Begleitung durch eine Hebamme oder medizinisches Personal) sei zuletzt um das 15-fache gestiegen. Im Kreis Siegen-Wittgenstein würden derzeit nur noch 43 Prozent der Schwangeren und jungen Mütter betreut. „Dabei sind wir laut Gesetz die Primärversorger innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt“, erklärte Kathleen Walter. Aber die hohen Kosten führten dazu, dass es immer weniger selbstständige Hebammen gebe. In den vergangenen 27 Jahren seien 250 Prozent die niedrigste (!) Steigerungsrate bei den Berufshaftpflichtversicherungsbeiträgen gewesen. Die Politik bemühe sich zwar zu unterstützen, aber nur im klinischen Bereich. Für selbständige Hebammen gebe es mit Ausnahme in wenigen Bundesländern keine Förderprogramme – und auch die reichten im Grunde nicht aus. „Die Kosten explodieren – aber das Grundgehalt der Hebammen ist nicht gestiegen“, bemängelt das Bauchgefühl-Team, das derzeit aus sieben selbständigen Hebammen besteht.
Einzugsgebiet: Siegen, Dillenburg, Westerwald und Kreis Altenkirchen
Wie hoch der Bedarf an der Betreuung unter der Geburt, an Vorbereitungs- und Rückbildungskursen, an der Begleitung im Wochenbett, an Stillberatung, an Babymassage, an Trageberatung und vielen weiteren Angeboten für Schwangere, junge Mütter und Neugeborene sowie Kleinkinder sei, lasse sich allein schon am Einzugsgebiet der Praxis ablesen. Neben vielen Familien aus den Südsiegerland-Gemeinden Burbach, Neunkirchen und Wilnsdorf kämen auch zahlreiche Frauen aus Siegen, dem Kreis Altenkirchen, dem Westerwald sowie aus dem Raum Haiger und Dillenburg nach Burbach, um die vielfältigen Leistungen in Anspruch zu nehmen.
Auf Bundes- und Landesebene, so stellten die Hebammen fest, scheine die Notwendigkeit derartiger Versorgungen indes nicht oder nicht ausreichend anerkannt und erkannt worden zu sein. Das seit 1999 von der Europäischen Union geforderte Vollstudium für den Berufsstand der Hebammen sei beispielsweise erst seit diesem Jahr umgesetzt – 17 Jahre (!) nach Ablauf der EU-Frist für diese Umstellung. Oder: Während Ärzte zehn Jahr für z.B. chirurgische Eingriffe hafteten, betrage die Haftungsdauer für die Geburtshilfe 30 Jahre. Darüber hinaus erschwerten Bürokratismus und aufwendige Abrechnungsverfahren den Hebammen ihre Arbeit. Von der aus ihrer Sicht unzureichenden Kostenerstattung der Krankenversicherungen für Leistungen an Schwangeren, jungen Müttern und Säuglingen ganz zu schweigen.
Benedikt Büdenbender und Jens Kamieth zeigten ein offenes Ohr und Verständnis für die Sorgen der Hebammen. Hier herrsche ganz offensichtlich Handlungsbedarf, so die einhellige Meinung. Beide Abgeordneten sagten zu, Kontakt zu ihren jeweiligen Fachpolitischen Sprecherinnen und -sprechern aufzunehmen, um das Thema auch in Berlin und Düsseldorf wieder aktiv ins Gespräch zu bringen. Aus ihrer Sicht bestehe eindeutig Bedarf an (finanzieller) Unterstützung. Auch strukturelle Veränderungen schienen demnach erforderlich zu sei, die jedoch einen längerfristigen Prozess bedeuteten.
Auch Bürgermeister Jonas Becker sagte zu, mit seinen Amtskollegen in den Nachbarkommunen Kontakt aufzunehmen. „Die Hebammenpraxis ist nicht nur ein regionales Alleinstellungsmerkmal für das südliche Siegerland, sondern auch eine wichtige Versorgungseinrichtung für die Familien in einem Radius von 50 bis 75 Kilometern – über kommunale und Landesgrenzen hinweg. Ziel muss sein, dieses Angebot gemeinsam zu unterstützen und zu erhalten. Und das ganz unabhängig davon, ob Bund und Länder endlich Lösungen für die seit Jahrzehnten bekannten Probleme der Hebammen auf den Weg bringen“, sagte Bürgermeister Jonas Becker.
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20260713 PM Bundes- und Landtagsabgeordnete besuchen Hebammenparxis Bauchgefühl (PDF, 610 kB, Pressemitteilung)
