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17.11.2014

Rede von Bürgermeister Christoph Ewers

anlässlich des Volkstrauertages am 16. November 2014

Es ist Krieg in der Stadt. Täglich fallen Bomben. Der junge Arzt verlässt am frühen Morgen die Wohnung und macht sich auf den Weg zur Arbeit in das nahegelegene Krankenhaus. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Es fehlt an allem. Medikamente, medizinische Geräte, Betten, Personal. Ein Teil der Patienten liegt auf den Fluren. Ständig kommen neue hinzu. Manchmal fällt der Strom aus. Immer wieder sterben Menschen dem jungen Arzt unter den Fingern weg. Dennoch ist er froh, dem ein oder anderen helfen zu können. Erschöpft von der harten Arbeit macht er sich abends auf den Heimweg. Schon von weitem sieht er die Zerstörungen in seinem Wohnviertel. Er rennt die letzten hunderte Meter. Das Haus, in dem sich seine Wohnung befindet, liegt teilweise in Trümmern. Er findet seine Frau. Sie ist tot. Sie war im 4. Monat schwanger. Auch seine zweijährige Tochter findet er. Sie ist verletzt, aber sie lebt noch. Er nimmt sie auf den Arm und läuft den Weg zurück zum Krankenhaus. Als er dort ankommt, ist auch sie tot.
Noch am gleichen Abend beschließt der junge Mann die Stadt zu verlassen und zu fliehen. Weg aus der Stadt, die bis jetzt seine Heimat war, in der er geboren und groß geworden ist, die er kennt und die er liebt. Weg aus der Stadt, die zunehmend in Schutt und Asche fällt. Weg aus der Stadt, in der seine Familie ausgelöscht wurde. Weg aus einer Stadt, die keine Perspektive mehr zu haben scheint. Er packt ein paar Habseligkeiten und macht sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
diese Geschichte könnte sich so oder so ähnlich 1945 in Berlin zugetragen haben, als die Alliierten im letzten Jahr des 2. Weltkrieges die deutsche Hauptstadt bombardierten. Oder auch 1915 in London, als im ersten Weltkrieg deutsche Zeppeline in nächtlichen Luftangriffen tausende Bomben auf englische Küstenstädte abwarfen.

Die Geschichte ist nicht erfunden. Es ist eine wahre Geschichte. Sie hat sich nicht 1945 in Berlin und nicht 1915 in London zugetragen, sondern 2014 in der syrischen Stadt Aleppo. Die Bombe war eine der gefürchteten Fassbomben, aus der Luft abgeworfene, mit Sprengstoff gefüllte Ölfässer, die in Syrien von Regierungstruppen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden. Der junge Arzt hat eine lange und weite Flucht hinter sich gebracht. Vom syrischen Aleppo bis nach Burbach. Dort, in der Notunterkunft für Flüchtlinge in der ehemaligen Siegerlandkaserne hat er mir seine Geschichte vor einigen Wochen erzählt. Es ist eine von vielen Geschichten. Wie auch die von dem jungen Mann aus Eritrea, der derzeit dort oben lebt. Er hat, ganz offenbar durch schreckliche Folterungen auf seiner Flucht, sein Gedächtnis verloren. Ihm ist nicht nur seine Heimat genommen, sondern auch seine Erinnerung. Was geblieben ist, sind die seelischen Wunden, denen er nun keinen Namen mehr geben kann.
Ich gebe zu: Es sind Schicksale und Geschichten, die mir durch ihre Aktualität und dadurch, dass sie konkrete Gesichter im hier und heute haben, näher sind, als die Ereignisse der Kriege des letzten Jahrhunderts. Und doch gibt es einen Bezug. Machen doch diese tragischen Geschichten aus der Gegenwart einen Sinn des Volkstrauertages besonders deutlich. Das Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege ist nicht nur ein trauriger Blick zurück. Es ist immer verbunden mit dem Appell für Frieden und Menschlichkeit in Gegenwart und Zukunft - im Kleinen und im Großen, bei uns und überall in der Welt.

In seltener Vielzahl erinnern uns in diesem Jahr runde Gedenktage gleichermaßen an dunkele und leuchtende Ereignisse, an Schrecken und Errungenschaften unserer Geschichte. 1914: Vor hundert Jahren bricht nach dem Attentat von Sarajewo auf Franz Ferdinand, den Thronfolger Österreich-Ungarns, und seine Ehefrau Sophie der erste Weltkrieg aus. Als er vier Jahre später endet, haben 17 Millionen Menschen in Europa ihr Leben verloren.
1939: Vor 75 Jahren beginnt mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen der 2. Weltkrieg. In den sechs langen Kriegsjahren bis 1945 sterben fast 70 Millionen Menschen. Dem Gedenken an die Toten dieser beiden schrecklichen Kriege ist der Volkstrauertag gewidmet.
Wir denken aber auch an das Jahr 1949: Vor 65 Jahren wird unter dem Eindruck des Grauens und der bitteren Erfahrung der Vorjahre das Grundgesetz verabschiedet. Unsere Verfassung, die unter Berufung auf Gott die unantastbare Menschenwürde, Gleichheit und Freiheit garantiert ist ein Hoffnungszeichen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben und ist bis heute eine wesentliche Grundlage unseres anhaltenden Friedens darstellt.

Und wir denken an das Jahr 1989: Vor 25 Jahren fällt die Berliner Mauer. Mutige Bürger in der DDR wollen sich nicht länger ihrem Schicksal ergeben und hatten in den Montagsdemonstrationen ihre Rechte eingefordert. Die umsichtige Politik der Entscheidungsträger in Russland, Deutschland, Amerika und Großbritannien sorgt dafür, dass auf friedliche Art und Weise die Wiedervereinigung möglich wird und zeigt der Welt, dass große Veränderungen auch ohne Gewalt, Folter, Unterdrückung und Hass möglich sind.

Das Jahr 2014 ist mit diesen Jahresgedenken ein besonderes Jahr. Gleichzeitig ist es weltweit auch ein Jahr der Kriege und der Gewalt. Nicht nur in Syrien. Im Irak ermordet die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) vor allem Christen, Kurden und Jesiden und versucht mit grausamer Gewalt die Macht im Land zu gewinnen. Im Gaza-Streifen eskaliert die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern. Und nicht weit von uns in der Ukraine wird die Krim von Russland annektiert und kämpfen Separatisten im Osten des Landes gegen Regierungstruppen.
Die Ereignisse der Vergangenheit und der Gegenwart zeigen uns deutlich. Frieden und Freiheit sind nicht selbstverständlich. Sie müssen immer wieder verteidigt und neu errungen werden. Daran erinnern wir uns im Gedenken an die Toten der Weltkriege, dafür können wir aber auch in unserem Alltag kleine Schritte tun - zum Beispiel im Umgang mit den Menschen, die als Flüchtlinge mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu uns kommen. Ich bin zutiefst dankbar für die vielen Menschen hier in Burbach, die durch ihre Hilfsbereitschaft und ihr Verständnis Zeichen für Frieden und Nächstenliebe setzen.

Ich komme noch einmal zurück auf den jungen Arzt aus Syrien und die Menschen in der Notunterkunft. Wenn wir gleich die Kränze am Ehrenmal niederlegen, dann sollten wir in unser Gedenken an die Toten der Weltkriege auch die durch Krieg und Gewalt zu Tode gekommenen Verwandten, Freunde und Bekannten der Flüchtlinge einbeziehen, die hier bei uns zu Gast sind. Täglich ziehen sie mit ihren Erinnerungen auf ihrem Weg in den Ort in unmittelbarer Nähe unseres Ehrenmales vorbei – wohl ohne seine Bedeutung zu kennen. In der Sehnsucht nach dauerhaftem Frieden in der Welt wissen wir uns mit Ihnen und mit ihrer Trauer verbunden.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
der Volkstrauertag fällt nicht umsonst in den Monat November. Es ist eine von Nebel und Dunkelheit geprägte, eine oft trübe und triste Zeit. Die fallenden Blätter und kahlen Bäume erinnern uns an Vergänglichkeit und Tod. Eine Zeit, die passt zu Trauer und zum Gedenken.
Schon in wenigen Wochen geben uns dann die Adventskerzen erste Zeichen der Hoffnung. In der Natur wird unabdingbar spätestens im März oder April mit dem Frühling das Leben neu erwachen.
Der Frühling kommt von alleine. Der Frieden nicht. Es ist unsere Aufgabe, ihn zu bewahren und immer wieder neu zu schaffen.

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