Hilfsnavigation
Volltextsuche
Mediathek
YekoPhotoStudio  
© YekoPhotoStudio 
Mediathek
Seiteninhalt
14.02.2023

"Ein solches Umfeld tut Schutzbedürftigen nicht gut"

100 Interessierte bei Podiumsdiskussion zum Laufhaus in Burbach

Burbach. Das Interesse war groß. Rund 100 Burbacherinnen und Burbacher nahmen im Bürgerhaus Platz, um die Podiumsdiskussion zum geplanten Laufhaus auf der Lippe zu verfolgen. Neben den Gastgebern Bürgermeister Christoph Ewers (Gemeinde Burbach) und Pfarrer Jochen Wahl (Ev.-ref. Kirchengemeinde Burbach) begrüßte der Moderator, Journalist Christian Hoffmann, auch den Leitenden Polizeidirektor des Kreises Siegen-Wittgenstein, Bernd Scholz, Marieke Weber von Hope e.V. und Sabine Reeh-Bender von der Beratungsstelle für Prostituierte TAMAR in Siegen. Gemeinsam wurde über die möglichen Auswirkungen diskutiert, die die bordellartige Einrichtung auf die in der Nachbarschaft untergebrachten geschützten Personen – Geflüchtete vor allem aus der Ukraine, Afghanistan und Syrien – sowie das Umfeld und die nahen Dörfer haben könnte.

Bürgermeister Christoph Ewers positionierte sich zu Beginn eindeutig: „Ich will hier kein Laufhaus. Das ist nicht gut für den Gewerbepark und nicht gut für die Gemeinde. Ich habe auch persönlich Vorbehalte gegen Prostitution und die Gesetzgebung zur Prostitution in Deutschland.“ Die Ansiedlung des Laufhauses erfolge nicht nur wider die Intention des geltenden Bebauungsplans, insbesondere wegen der Nähe zu den untergebrachten Flüchtlingen sei der Standort für ein solches Gewerbe nicht geeignet. Bereits im Dezember hatte die Gemeinde deshalb Klage gegen die Baugenehmigung des Kreises beim Verwaltungsgericht in Arnsberg eingereicht, derzeit wird die Klage-Begründung vorbereitet. Eine aufschiebende Wirkung hat dies nicht, das Laufhaus wird zeitnah eröffnen.

"Katastrophal" für Flüchtlinge

Für Pfarrer Jochen Wahl ist es „katastrophal“, dass Flüchtlinge, die besonders schutzbedürftig sind, künftig in einer solchen Umgebung in Deutschland und in Burbach ankommen und (zumindest temporär) leben sollen. Zumal aktuell natürlich auch vermehrt Ukrainerinnen, auch mit Kindern, ankämen, und ein Großteil der in der Prostitution arbeitenden Frauen bekanntlich aus dem Ostblock kämen. Dass ein privater Sicherheitsdienst für Ordnung sorgen soll, beruhigt ihn nicht. Im Gegenteil: Die oftmals vor willkürlicher Gewalt geflüchteten Menschen „erleben hier nicht unsere Polizei, sondern eine ,private Armee‘“, begründet er seine Bedenken.

Die Zahlen und Erfahrungen, das erklärte Bernd Scholz nüchtern, geben diesen Befürchtungen zunächst aber keine Nahrung. Kollegen aus Hagen und Dortmund meldeten, dass keine erhöhte Kriminalität nahe Laufhäusern zu verzeichnen sei, so der Polizeidirektor. Nach Rücksprache mit hessischen Kollegen konnte er ferner berichten, dass es mit dem künftigen Betreiber, der schon nahe Hanau ein Laufhaus besitzt, bisher keine Probleme gegeben habe. Scholz versprach jedoch, dass nach Eröffnung des Laufhauses verstärkt Streife auf der Lippe gefahren werde; und er kündigte regelmäßige polizeiliche Kontrollen sowie ein konsequentes Ein- und Durchgreifen an, sobald strafrechtliche Verstöße erkannt würden, wie beispielsweise Zwangsprostitution.

Keine Angst schüren, aber den Anfängen wehren

Es gehe nicht darum, den sprichwörtlichen Teufel an die Wand zu malen, erklärte Bürgermeister Christoph Ewers. „Wir wissen noch nicht, ob und wie sich die Einrichtung auswirken wird.“ Auch sei kein Fall bekannt, wo ein Laufhaus neben einer Flüchtlingsunterkunft eröffnet wurde und welche Folgen das haben könne. Es sei aber seine Überzeugung, „ein solches Umfeld tut Schutzbedürftigen nicht gut“. Die ordnungsrechtliche Zuständigkeit liege zwar nicht bei der Gemeinde, sondern beim Kreis Siegen-Wittgenstein, aber „wir werden hingucken. Und wenn wir etwas Bedenkliches sehen, werden wir das mit Nachdruck melden.“ Es gehe nicht darum, Angst zu schüren. Doch „wir wollen den Anfängen wehren“. Denn es sei durchaus vorstellbar, dass sich weitere Etablissements ansiedeln könnten, der Eigentümer suche stets Mieter und Pächter für seine Gebäude. Das wiederum könne zu einem „Trading down“-Effekt führen, den sich die Gemeinde nicht wünsche. „Darüber hinaus sehen wir unsere Verantwortung, uns mit dem Thema Rolle, Bedeutung und Folgen von Prostitution in unserer Gesellschaft auseinandersetzen und werden uns auf verschiedenen Ebenen damit beschäftigen.“ Eine erste Veranstaltung hierzu wird eine vom Familienbüro organisierte Benefizveranstaltung am 25. Februar ab 18 Uhr im Herzwerk der Jesus Freaks am Erzweg 20 in Burbach sein.

Christoph Ewers und Jochen Wahl betonten mehrmals, dass sich ihre Vorbehalte gegen das System Prostitution richteten und nicht gegen die in der Prostitution arbeitenden Frauen. „Man kann Prostitution nicht gutheißen, aber sehr wohl die Frauen respektieren, die sich prostituieren“, stellte der Bürgermeister fest. Beide zogen die oft als Argument herangezogene Freiwilligkeit der Frauen in Zweifel. Neben einem illegalen Zwang gebe es auch gesellschaftliche Zwänge, warum sich Frauen verkauften.

Kaum eine Frau arbeitet freiwillig in der Prostitution

Marieke Weber, die mit Hope e.V. Frauen den Ausstieg aus der Prostitution ermöglicht, berichtete aus ihrer Erfahrung, dass kaum eine Frau selbstbestimmt und freiwillig in der Prostitution arbeite. Sabine Reeh-Bender von TAMAR glaubt zwar, dass das Prostituiertenschutzgesetz von 2017, das aktuell evaluiert werde, eine signifikante Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Frauen bedeute. Sie räumte aber auch ein, „es herrscht eine Mobilität in der Prostitution“, die es erschwere, Frauen eine längere Zeit zu begleiten. „Wir erleben, dass die Frauen in den Einrichtungen von Woche zu Woche wechseln“, ergänzte Marieke Weber.

Im Publikum saßen auch der Betreiber der bordellähnlichen Einrichtung sowie die Vertreterin der Gewerbepark Siegerland GmbH, der Eigentümerin der ehemaligen Siegerland-Kaserne. Sie beteiligten sich auch in der anschließenden zumeist sachlichen Diskussion. Neben einigen Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen das Laufhaus aussprachen und die vorgetragenen Sorgen um die Geflüchteten und die Frauen in dem Etablissement teilten, gab es auch Wortmeldungen, in denen eine neutralere Position vertreten wurde. Susanne Otto, Opferschutzbeauftragte der Polizei, bot sich als Ansprechpartnerin bei Sorgen sowie als Vermittlerin an. Sie begrüße es, dass der Betreiber gekommen sei, auch mit ihm solle man in den Dialog treten.

Kontakt

Gemeinde Burbach »
Pressestelle
Eicher Weg 13
57299 Burbach

Telefon: 02736 45-22
Fax: 02736 45-9922
E-Mail oder Kontaktformular
nach obenSeite drucken