Gemeinde Burbach

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Ansprache von Bürgermeister Christoph Ewers zum Volkstrauertag 2008 am 16.11.2008 in Burbach


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Der Volkstrauertag ist ein bedeutsamer Termin im November. Eingerahmt von Allerseelen und vom Totensonntag ist dieser Tag dem Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gewidmet. Wie der 27. Januar (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz), der 20. Juli (Attentat auf Adolf Hitler) und der 3. Oktober (Tag der Deutschen Einheit) hat dieser Tag etwas mit unserer nationalen Identität zu tun.

In der Erinnerung an die Kriege des 20. Jahrhunderts setzen wir uns mit dem Verlust von unvorstellbar vielen Menschen auseinander. Unsere Gedanken sind bei den gefallenen Soldaten, den Kriegsgefangenen, den Opfern der Gewaltherrschaft, der Bombenangriffe, der Flucht und Vertreibung. Besonders gedenken wir der Opfer aus unserer Heimatgemeinde Burbach.

Es ist gut, dass wir heute hier zu diesem Gedenktag zusammengekommen sind. Indem wir bewusst zu Trauer und Mitgefühl bereit sind, fühlen wir uns mit diesen Menschen verbunden. Ob wir sie gekannt haben oder nicht. Ob wir mit ihnen verwandt sind oder nicht. Die Toten der beiden Weltkriege und der nationalsozialistischen Diktatur sind Teil der deutschen Geschichte und gehören zu unseren Wurzeln.

Wenn wir diese Menschen vergessen oder die Erinnerung an sie verdrängen, wenn wir nicht nach den Ursachen all des menschlichen Leids fragen und ihr Schicksal nicht als Mahnung zur Friedfertigkeit begreifen, dann werden wir unserer nationalen geschichtlichen Verantwortung nicht gerecht, die in unseren besonderen Auftrag zur Bewahrung und Schaffung von Frieden in Gegenwart und Zukunft mündet.

Dabei erinnert der Volkstrauertag nicht nur an das eigene Leid, sondern schließt immer auch das Gedenken an die Opfer der anderen Staaten mit ein.

Der Volkstrauertag veranlasst mich in diesem Jahr auch 70 und 75 Jahre zurückzublicken. Vor wenigen Tagen, am 09.11. haben wir der nunmehr 70 Jahre zurückliegenden Reichsprogomnacht gedacht. In der Nacht vom 9. zum 10. November wurden im gesamten Deutschen Reich fast alle Synagogen in Brand gesteckt und ausgeraubt. Etwa 7.000 jüdische Geschäfte und Gemeindeeinrichtungen wurden vollständig demoliert und ausgeplündert.
Wertgegenstände, Bilder und Porzellan wurden ebenfalls sinnlos zertrümmert oder mitgenommen. Es wird geschätzt, dass etwa 20.000 Juden aus ihren Wohnungen "herausgeprügelt" und in die Konzentrationslager verschleppt wurden.

Mein Vater, Jahrgang 1932 hat mir noch kürzlich erzählt, wie er diese Nacht erlebt hat. Er wohnte in Münster und hat als 6-jähriger aus dem Fenster seines Elternhauses mit ansehen müssen, wie die dortige Synagoge brannte. Besonders tief in Erinnerung geblieben ist die Angst, die nicht nur er als Kind empfunden hat, sondern die auch bei den Erwachsenen, bei seinen Eltern, unverkennbar spürbar war, obwohl sie versuchten die Kinder zu beruhigen. Angst – nicht vor den Folgen eines Feuers, sondern Angst vor dem, was jetzt wohl noch kommen würde. Angst vor dem drohenden Unheil. Beobachten zu müssen, wie Feuerwehr und Polizei – Inbegriff des Schutzes der Bevölkerung – nicht eingriffen, machte die grausame Gewaltbereitschaft der nationalsozialistischen Staatsgewalt auf brutale Weise erkennbar. Es war ein Gewaltakt mit gleichzeitig gezielter symbolischer Bedeutung. Mit den Synagogen wurden nicht nur Gebäude zerstört, man wollte mit den Gebäuden auch die sichtbarsten Zeichen des jüdischen Selbstverständnisses und damit die Juden selbst in ihrer Identität empfindlich treffen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt konnte eigentlich kein Mensch mehr vor dem grauenvollem Unrecht die Augen verschließen, welches der jüdischen Bevölkerung angetan wurde.

Das war 1938. Gerade 5 Jahre war es her – und da sind wir bei einem weiteren traurigen Jubiläum dieses Jahres - dass Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde. Wir bezeichnen das Jahr 1933 heute, 75 Jahre danach, als Jahr der Machtergreifung. In diesen 5 Jahren hatte das Naziregime durch Gleichschaltung alle Bereiche von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft so durchdrungen, dass Widerstand Einzelner kaum noch möglich war. Mein Großvater, der nie in die NSDAP eingetreten ist und dadurch viele Nachteile erleiden musste, hat mir immer erzählt, wie sehr er darunter gelitten hat, nicht mehr Widerstand leisten zu können, weil es sinnlos, ja tödlich gewesen wäre sich als Einzelner gegen die drückende und allgegenwärtige Übermacht des Regimes zu stemmen. Wie viele andere auch wollte er aufschreien, wollte er etwas tun gegen die Unmenschlichkeit und Menschenverachtung der Nationalsozialisten und hatte gleichzeitig die Verantwortung für eine ganze Familie zu tragen. Sehr viele Menschen haben unter dieser Machtlosigkeit gelitten, die ihr tägliches Leben in diesen Jahren prägte.

Warum weise ich am Volkstrauertag auf diese dunklen Jahre unserer Geschichte vor 70 und 75 Jahren hin? Weil die Geschichte zeigt, dass es den Anfängen zu wehren gilt.  Weil wir es den Opfern der Kriege, derer wir heute gedenken, schuldig sind, durch Tat und Wort den Anfängen jeder Form von Gewalt und Gewaltherrschaft zu wehren, bevor die Gewalt uns beherrscht wie es dann 1938, im Jahr der brennenden Synagogen bereits war. Was dann scheinbar unaufhaltsam folgte, beginnend mit dem Kriegsausbruch 1939 sprengt unsere heutige Vorstellungskraft. Millionen von toten Soldaten und Zivilisten, Millionen von heimatvertriebenen, von körperlich und seelisch für den Rest ihres Lebens gezeichneten Menschen sind die grauenhafte Bilanz von Nazidiktatur und Krieg.

Neben diesen unvorstellbaren Zahlen sind es immer wieder Einzelschicksale, die uns besonders berühren, die uns trauern lassen, die uns mahnen und die diesen Zahlen erst ein Gesicht geben. So erging es mir vor einigen Wochen als ich den Brief der Wehrmacht an die Witwe des im 2. Weltkrieg gefallenen Franz Kober aus Niederdresselndorf zu lesen bekam.

Einheit 34 036 8 

Im Felde, den 8. Juni 1944


Sehr geehrte Frau Kober!

Als Kompanieführer habe ich die Pflicht, Ihnen die schmerzliche Mitteilung zu machen, dass Ihr lieber Gatte, unser guter Kamerad, der Uffz. Franz Kober am 06. Juni 1944 für Führer, Volk und Vaterland gefallen ist.
Im Beisein von Kameraden und eines Pfarrers wurde er mit militärischen Ehren auf dem Heldenfriedhof in Slobozia (Bassarabien) Feld 4 6. Reihe Grab Nr. 21 zur letzten Ruhe gebettet.

Ein ehrendes Soldatenkreuz wurde auf der gepflegten Ruhestätte Ihres lieben Gatten errichtet.

Am 6.6.44 lag die Kompanie im Raum von Raslaati in Abwehrstellung. Der Feind schoss vereinzeltes Störungsfeuer in unseren Abschnitt. Für uns kaum fassbar wurde Ihr Gatte in den frühen Morgenstunden (3,00 Uhr) in seiner Schützenstellung von einem feindlichen Infantriegeschoß getroffen. Vielleicht ist es zu Ihrem großen Schmerz für Sie eine kleine Beruhigung, wenn ich Ihnen berichten darf, dass Ihr lieber Gatte nicht gelitten hat. Seine schwere Kopfverwundung führte den sofortigen, sanften Tod herbei.
Die Kompanie bedauert den Verlust ihres lieben Mannes sehr und empfindet zu Ihrem tiefen Schmerz herzliche Anteilnahme.
Der Uffz. Franz Kober war einer unserer Besten……. Im Kampf gegen den Feind zeigte er hervorragende Tapferkeit und vorbildliche Haltung. …….
Wir werden Ihren lieben Gatten nie vergessen. Sein Opfer mahnt uns den Glauben an Deutschlands Grösse fortzupflanzen und den Endsieg an unsere Fahnen zu heften.

Die Nachlaßsachen werden Ihnen umgehend zugestellt werden. Die Kompanie grüßt Sie in aufrichtigem Mitgefühl und verbleibt mit

Heil Hitler
Gez. Unterschrift
Lt. und Komp. Fhr.

Ein Brief, der für sich spricht. Ein Brief, wie er hunderttausendfach geschrieben worden sein mag. Ein Brief, geschrieben, als der Krieg eigentlich bereits hoffnungslos verloren war. Ein Brief, der im Rückblick auf die Geschichte noch einmal die ganze sinnlose, zerstörerische und grausame Verblendung des nationalsozialistischen Gedankengutes auf das Schicksal eines einzelnen Menschen und seiner Familie herunterbricht.

Der irische Schriftsteller George Bernard Shaw, der von 1856 bis 1950 lebte, also zu einer Generation gehörte, die sowohl den Ersten als auch den Zweiten Weltkrieg erleben musste und der 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs einen großen Artikel veröffentlichte, in dem er England und Deutschland zu Verhandlungen aufrief und blinden Patriotismus kritisierte, hat angesichts der beiden schrecklichen Kriege einmal gesagt: „Wir lernen aus Erfahrung, dass die Menschen nichts aus Erfahrung lernen.“ Eine auf seine Lebenszeit bezogen verständliche, aber hoffnungslose Aussage. 63 Jahre Frieden in Deutschland geben uns Hoffnung, dass die Menschheit doch aus Erfahrung lernen kann. Aber diese Erfahrung fällt uns nicht einfach zu. Wir müssen Sie uns immer wieder neu erschließen, wir müssen uns Frieden im Kleinen und im Großen, in unseren Familien, an unserem Arbeitsplatz, in unserer Gemeinde, in der Welt immer wieder neu erobern. Neben dem Gedenken an die Opfer der Kriege ist es bleibende Aufgabe dieses Tages zu dieser Friedensarbeit aufzurufen. Ein Bekenntnis der Präambel der UNESCO weist dafür den Weg. Dort heißt es: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“

Lassen Sie uns hier in Burbach in diesem Sinne denken und handeln.






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